Artikel zu: ‘Sita Suez’
Lampertheimer Zeitung 06.09.2011
Artikel aus der Lampertheimer Zeitung vom 06.09.2011
Krähen hacken Löcher in Äpfel
06.09.2011 — EDINGEN-NECKARHAUSEN
Von Christian Jung und Tobias Unger
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ERNTE-AUSFALL Obstbauer aus Edingen-Neckarhausen klagt gegen Müllentsorger / Unternehmen will Areal mit Planen abdecken
Obstbauern aus einem Ort bei Mannheim fürchten um ihre Existenz. Eine wilde Tierkolonie hat sich rund um eine Müllumlade-Station angesiedelt. Der Nachbarschaftsstreit eskaliert. Nun klagen die Bauern gegen die Entsorgungsfirma.
Die Szenen erinnern an Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“. Hunderte Krähen sammeln sich morgens und abends und fallen dann gemeinsam über ihre Ziele her. Doch im Gegensatz zum Horrorklassiker von 1963 haben es die Tiere nicht auf Menschen, sondern auf Äpfel abgesehen. Die wachsen seit 50 Jahren in den Plantagen der Familie Hauck zwischen Heidelberg und Mannheim.
Riesenvögel verursachen 160 000 Euro Schaden
Die bis zu knapp einem halben Meter großen Vögel haben sich in den vergangenen zwei Jahren eine Müll-Umladestation bei Edingen-Neckarhausen zu ihrem Treffpunkt auserkoren. Dort werden sie zum Schwarm und setzen dann zum Angriff auf die Obstwiesen an. „Die Tiere bedrohen unsere Existenz, da sie die von Juni bis August noch reifenden Äpfel anpicken und diese dann am Baum abfaulen“, sagt Isabell Hauck. Die 39-jährige Diplom-Biologin bewirtschaftet zusammen ihrem Mann Jörg Dittrich, sechs festen Mitarbeitern und zwölf Saisonkräften einen Obstbauernhof samt Brennerei, Fruchtsaftkelterei und Hofladen.
Das Familienunternehmen hat ein teures Problem mit den Krähen: In den vergangenen zwei Jahren sei auf acht Hektar Anbaufläche ein Schaden entstanden, den Hauck und Dittrich auf 160 000 Euro schätzen. 100 Prozent Ernteausfall hätten die Tiere verschuldet. Unter den Vögeln sind vor allem Raben– und Saatkrähen. Die Rabenkrähen stehen komplett unter Naturschutz, die Saatkrähen dürfen erst ab Mitte Juli — nach der Brutzeit — geschossen werden. Doch das ist auch für geübte Jäger eine Herausforderung, da sie rasch die Flucht ergreifen. Die Schuld für die Apfelzerstörung geben die Obstbauern dem Kölner Müllentsorger Sita Suez Deutschland. Rund um dessen Deponiegelände, an das die Obstbäume angrenzen, hätten sich in den vergangenen Jahren neben Krähen als „Allesfressern“ auch Ratten und Kaninchen massiv vermehrt. „Zuerst wurde hier nur Bauschutt umgeschlagen, dann kamen immer mehr Lkw aus dem gesamten Bundesgebiet mit Klinikabfällen und Essensresten“, sagt Dittrich. Er bezweifelt gar, dass die Firma für manche Müllsorten überhaupt eine Genehmigung hat.
Seine Äußerungen will der Landwirt nun mit Fotodokumentationen und öffentlich zugänglichen Satellitenbildern der Müllanlage beweisen. Außerdem transportieren die Krähen selbst Teile der Plastikabfälle mit Essensresten wie Marmelade oder Senf zu den mit Zäunen geschützten Apfelbäumen. Deshalb sehen die Plantagen an manchen Tagen selbst wie eine wilde Deponie aus, so dass nun auch ein für die Obstbauern wichtiges Produktionsgütesiegel in Gefahr ist.
Die Müllfirma Sita sieht das freilich etwas anders. Sprecherin Jessica Koelmann teilt auf Anfrage schriftlich mit, zur Vermeidung von Verwehungen und zur Schädlingsbekämpfung seien vom Gewerbeaufsichtsamt für das Müllumlade-Areal im August 2010 geforderte Maßnahmen wie die Abdeckung leicht verwehbarer Materialien umgehend umgesetzt worden. „Auch wenn die Kommunikation mit dem Nachbar — was wir sehr bedauern — durch Einschaltung eines Anwaltes und des deshalb drohenden Rechtsstreites erschwert ist, suchen wir das Gespräch“, erklärt sie. „Ein ausgeglichenes nachbarschaftliches Verhältnis liegt immer in unserem Interesse.“ Auf dem Gelände würden unterschiedliche Abfälle zwischengelagert und umgeschlagen, heißt es von Sita-Seite. Es handle sich um Bauschutt, Baumischabfall, Holz, Sperrabfall, gemischte Siedlungsabfälle und Kunststoffabfälle. Die sogenannten gemischten Siedlungsabfälle würden unter freiem Himmel gelagert, aber ebenfalls täglich gemäß Vorgabe der Gewerbeaufsicht mit Netzen oder Sperrabfall abgedeckt. Da Netze und Sperrmüll zwar gegen Verwehung schützten, aber nicht die Krähen abhielten, werde die Firma nun alles mit Planen abdecken, verspricht die Sprecherin.
Petitionsausschuss des Landtags angerufen
Zum Thema Schadensersatz will sich die Sprecherin wegen der beginnenden juristischen Auseinandersetzungen nicht äußern. „Wir haben alles versucht, um mit der Firma eine gute Lösung zu finden“, sagt Dittrich. „Doch nun ist unsere Geduld zu Ende, wir werden klagen, da wir uns sonst auch gleich enteignen lassen könnten.“
Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat er den Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags angerufen. Nach der Sommerpause wollen sich die Parlamentarier dem Krähen-Problem und der Überprüfung von Genehmigungen widmen. Bis dahin werden die Vögel noch einige Male ausschwärmen.
Rhein-Neckar-Zeitung 12.08.2011
“Unsere Existenz steht auf dem Spiel”

Von Nicoline Pilz
Edingen-Neckarhausen. Die Geschichte zieht immer weitere Kreise: Nicht nur der Obstbaubetrieb Hauck aus Edingen-Neckarhausen wehrt sich gegen die Müll-Umladestation Sita Suez in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Nachdem die Rhein-Neckar-Zeitung über massive Schäden durch Krähen an den Hauck’schen Apfelplantagen berichtete, meldeten sich weitere Geschädigte bei Obstbauer Jörg Dittrich, der mit Ehefrau Isabelle Hauck das Familienunternehmen leitet.
Darunter Familie König in der Speyerer Straße in Neckarhausen. Es sei im Sommer unmöglich geworden, mit den Kindern in den Garten zu gehen, schildert Sigrid König. Die Geruchsbelästigung durch die angrenzende Müllumladestation sei dann nicht auszuhalten. Zu Spitzenzeiten, ergänzt ihr Mann Daniel, seien die Abfallberge bei Sita Suez so hoch gewesen, dass man sie vom Parkplatz beim Aldi aus hatte sehen können.
Krähen, Ratten und Kaninchen fühlen sich in der Nähe des Abfalls wohl und vermehrten sich seit zwei Jahren rapide, nachdem damals die laute Betonschredderanlage abgebaut und der Umschlag mit Müll intensiviert wurde. Seitdem schleppen die Vögel Verpackungsmaterial in die Felder und laben sich dort an den reifenden Äpfeln, bei anderen an Kürbissen). Die Untere Abfallrechtsbehörde des Kreises erweiterte in 2003 die Betriebsgenehmigung für Sita Suez, vormals Bormann vom bloßen Bauschuttrecycling hin zur Lagerung von Siedlungsmüll aus dem gelben Sack.
Doch handelt Sita nicht nur damit. Satellitenbilder zeigen Abfallcontainer voller Altreifen. Auch Klärschlamm wird dort zwischengelagert sowie Infusionsflaschen und Medikamentenabfälle aus Krankenhäusern, wie man der RNZ berichtete. Dittrichs Anwalt sucht vom Landratsamt als Genehmigungsbehörde zu erfahren, welchen Umfang die Betriebsgenehmigung hat. Die Behörde kontrollierte zuletzt am 12. Juli das Betriebsgelände. “Zu diesem Zeitpunkt war dort alles in Ordnung”, sagte Kreissprecher Berno Müller auf RNZ-Nachfrage. Soweit einsehbar, zeigt sich ein aufgeräumtes Areal. Das sah vor wenigen Wochen noch anders aus.
Sita Deutschland, eine Tochter des französischen Konzerns GDF Suez SA, und der Obstbaubetrieb Hauck werden sich nun um Schadensersatz in sechsstelliger Höhe streiten. Dittrichs Anwalt fordert zudem im Auftrag seines Mandanten das Unternehmen auf, sogenannte Hagelschutznetze über die Apfelplantagen zu spannen. Für die von der Krähenplage betroffenen acht Hektar Fläche sind das Kosten in Höhe von rund 160 000 Euro. Noch lieber wäre es Dittrich aber, wenn die Untere Abfallrechtsbehörde Sita Suez die Genehmigung zur Lagerung des Mülls entziehen könnte.
“Seit 20 Jahren beschäftigt sich das Landwirtschaftsministerium mit solchen Fällen, wo Krähen landwirtschaftliche Existenzen vernichten”, sagt Dittrich. Dokumentiert ist, dass Schwärme gerne auf Mülldeponien leben, sich dort unbehelligt vermehren und dann benachbarte Felder kahl fressen. Die Betroffenen rund um die Müllumladestation wollen nun eine Interessengemeinschaft gründen. Zwischenzeitlich hat Biologe Jörg Dittrich Kreis– und Landtag per Schreiben informiert. Die Kommune, die das Gelände an Sita verpachtet hat, will nach Aussage von Bürgermeister Roland Marsch “gerne helfen” und sucht das Gespräch mit dem Landratsamt. Zwischen Sita Deutschland und dem Obstbaubetrieb kam es entgegen anderslautender Ankündigungen zu keinem lösungsorientierten Austausch. Für den Obstbaubetrieb, Lieferant und Sponsor des Schulfruchtprogramms Nordbaden, steht nach wie vor seine Existenz auf dem Spiel.
“Ein drittes Jahr halten wir den Ernteausfall von Äpfeln nicht durch”, sagte Dittrich der RNZ. Er ist inzwischen etwas ratlos. Unternehmen und Behörde hüllen sich in Schweigen. Dass Sita inzwischen nach Betriebsschluss Netze über die Abfallberge spannt, bringt dem Obstbaubetrieb nichts, sagt Dittrich. Der Krähenschwarm existiere weiter. Im Moment sei er auf der dritten Plantage unterwegs und fresse dort die Äpfel.
Artikel in der RNZ vom 06.07.11
Biologe legt sich mit Großkonzern an
Von Nicoline Pilz
Edingen-Neckarhausen. Jörg Dittrich ist richtig sauer. “Erbost” würde seine Emotion wohl am besten treffen, wenn sein Blick auf die gegenüberliegende Müllumladestation und dann zurück auf Äcker des Obstbaubetriebs Hauck schweift.
Den betreibt der Biologe betreibt zusammen mit seiner Frau Isabelle Hauck. Unter anderem hat der Betrieb Felder im Gewann “Die Milben”. Dort, wo früher die Firma Seichter, dann Sita-Bormann Beton und Müll schredderten, lädt das inzwischen an den französischen Großkonzern GDF Suez SA verkaufte Unternehmen Sita Abfall um. Auf besagtem Gelände werden Säcke mit wieder verwertbaren Müll zwischengelagert.
Seit einem Jahr, so schildert Dittrich der RNZ vor Ort, landet ein Teil dieses Mülls in seinen angrenzenden Äckern. Krähen stürzen sich auf leere Joghurtbecher und auf glitzernde Getränkebeutel. Sie schleppen Plastiktüten, Folien oder leere Zahnpastatuben umher, kennen anscheinend bereits das Geräusch der anfahrenden Lkw, um sich dann sofort beim Ausladen auf die Portionspackungen zu stürzen.
Dass es dort etwas zu holen gibt, hat sich beim Krähenvolk offenbar herumgesprochen. Der Ort ist ein beliebter Treffpunkt der schwarzen Gesellen. Auch Kaninchen und Ratten fühlen sich wohl, meint der 46-Jährige.
Vor allem auf der direkt benachbarten Apfelplantage mit drei Hektar Fläche, wo derzeit Frühäpfel reifen sollten, liegen Verpackungen auf dem Boden und hängen Folien zwischen den Bäumen. Der Obstbaubetrieb lässt immer wieder den Boden zwischen den Baumreihen mulchen und die Überreste einsammeln. Das kostet Zeit und Geld. Aber Folien und Aluminium verrotten schließlich nicht, und bei der Erzeugung qualitätsgeprüfter Äpfel lässt der Obsterzeuger jede Sorgfalt walten.
Dittrichs Ärger nimmt zu, wenn er sich die Früchte ansieht. Die Vögel fressen nahezu jeden Apfel an und dadurch sei der Ausfall enorm, obwohl der Jagdpächter “permanent unterwegs” sei. Die Spitzen vieler neu gepflanzter Bäumchen sind abgeknickt, weil die Krähen sich darauf setzen und die Jungbäume sie nicht tragen können. Pro Hektar ernte der Betrieb zwischen 30 bis 45 Tonnen Äpfel. Jetzt seien es nur noch 20 Tonnen.
Sobald der eine Acker leergefressen ist, wenden sich die gefiederten Räüber dem nächsten zu. Auf einer Fläche von insgesamt acht Hektar verzeichnet Dittrich seit dem vergangenen Jahr einen Schaden im sechsstelligen Bereich. Auf diese Summe will er die Firma nun verklagen. Sein Argument: Der Betrieb gehe unsachgemäß mit dem Müll um. “Ich habe Zeugen, dass es nicht so schlimm war, bevor die Umladestation kam”, betont er. Und führt an, er habe sich erkundigt: Kein Landwirt im Rhein-Neckar-Kreis habe solche Probleme mit Vogelfraß. “Nur hier.”
Betroffen seien weitere Landwirte, die wohl ebenfalls meckern, aber nicht aufbegehren. Während das Gewerbeaufsichtsamt zwar bestätigt, dass Gespräche mit Sita Suez laufen, sich ansonsten aber bedeckt hält, erklärt Dittrich, die Firma habe offenbar Auflagen nicht erfüllt. Die Mitarbeiter vor Ort nimmt er in Schutz. Die Wege zum französischen Mutterkonzern sind wohl weit. Angeblich wollte das Unternehmen vor längerer Zeit bereits dort eine Halle bauen.
Möglich, dass auch dieses Thema heute Abend zur Sprache kommt. Jörg Dittrich hat Behörde, Gemeindeverwaltung und den Gemeinderat um 18 Uhr zu einer Ortsbegehung eingeladen.






